Katrin
Es war ein sehr anstrengender Tag, voller Lachen und enttäuscht sein. Heute Morgen nach der Andacht wusste mal wieder keiner, was für Unterricht wir haben. Schließlich hatten wir dann spontan, weil
der Referent gerade im Haus war, eine Stunde leadership [Leiterschaft]. Danach hatten wir frei und waren in der Bibliothek. Dort haben wir nach ordentlichen Definitionen für „Society“
[Gesellschaft] gesucht. Dann Church and Society und vorher waren wir noch kurz bei Solomon. Ich habe heute schon wieder geweint, weil ich so enttäuscht war, dass ich so wenig im Unterricht
verstanden habe. Eigentlich will ich gar nicht weinen, aber der Kulturschock sitzt tief! Naja, eine Studenüberschneidung hatten wir heute auch noch, so wurde ein Fach einfach auf den Nachmittag
gelegt. Da würden in Deutschland erstmal alle protestieren. Aber hier – ich frage mich ob hier überhaupt irgendjemand einen Terminkalender hat. So hatten wir nach der Mittagspause (die ist hier
sehr wichtig, um den Tag zu überstehen) woman studies. [feministische Theologie], das war sehr interessant. Das Fach trifft zwar nicht unbedingt auf unsere Kultur zu, aber hier voll! Die Dozentin
hat uns versucht, klar zu machen, dass male und female [weiblich und männlich] sich nur im Geschlecht und nicht im gender [Charakter] unterscheiden. Das Fach finde ich für die Inder sehr, sehr
wichtig. Was mich etwas nervt ist, wenn Gott im Gottesdienst oder in der Andacht mit „Gott unsere Mutter“
angesprochen wird. Das ist mir doch zu feministisch. Danach hatten wir Coffeetime [Kaffeepause]. Die gibt es morgens und nachmittags, Der Kaffee und Tee hier
sind super lecker. Von 16.30 Uhr bis 17.45 Uhr hatten wir dann noch eine Einheit „Relationship“ [Beziehungen]. Naja das meiste was wir hier im Unterricht lernen, hatten wir schon am Kolleg. Die
feministische Theologie ist neu. Heute Nachmittag ging es besser mit verstehen. Danach waren wir mit Ruben
in der Stadt. Wir wollten sweets [Süßigkeiten] nach Deutschland schicken. Aber als wir mit dem fertigen Päckchen am Schalter standen, sagte man uns, dass wir
hier keine offenen Süßigkeiten nach Deutschland schicken können. Das war echt doof! Ruben hat sich 1000 Mal entschuldigt, aber er konnte ja auch nichts dafür, er konnte es ja nicht wissen. Auf dem
Rückweg fragte er uns „Hast du einen Freund/Freundin in Kassel?“ Wir sagten ja und fingen an zu lachen. Er fragte, warum wir denn so lachen würden. Da zeigte ich ihm ein Foto von meinem Freund. Und
er musste auch lachen. Es sollte nur kein anderer wissen, da ich sonst nicht mehr ins Boyshostel [Jungenwohnheim] könnte. Naja, die Süßigkeiten gab es dann für alle zum Abendessen, dass war auch
nett. Das Chaos auf den Straßen konnte ich heute sehr nah mit einem Windhauch spüren, als mich fast ein Motorrad mitgekommen hätte. Es ist aber nichts passiert.
Torsten
21:20 Uhr
Bin hundemüde heute. Es war ein anstrengender, verwirrender Tag. Spontan heute morgen eine Einheit über Leadership [Leiterschaft]. Gut, leicht verständlich, bereichernd. Als Leiter soll man kein
Boss, sondern Diener sein. Mit allem, was dazugehört.
Die Stunde „Christ und Gesellschaft“ brachte nichts Neues, langweilig.
Die Stunde „Womans Studies“ [oder Feminist Theology] war interessant, besonders die Erkenntnis, dass es in Indien (und auch in abgeschwächter Form in Kenia) noch immer starke Unterschiede
zwischen Männern und Frauen gibt. Deshalb interessant und kulturell bereichernd.
Die Bibliothek, deutsche Abteilung, scheint nicht so gut sortiert wie angenommen. Wenige Bücher, noch weniger lesenswert. Schade.
Wir wollten am Abend endlich ein Päckchen nach D ans Kolleg schicken. Hatten Sweets gekauft, schön einpacken lassen. Am Courierstand dann Ernüchterung. Offene, verderbliche Ware wird unter keinen
Umständen versandt. Bin sehr traurig darüber, auch wenn wir mit den Süßigkeiten den Studenten am UTC den Abend versüßen konnten.
Das Problem an meiner Trauer: ich kann sie kaum offen zeigen, Katrin ist immer noch angeschlagen mit dem Kulturschock. Ich weiß nicht, ob sie mich in Tränen zusätzlich ertragen könnte. Ich will
sie nicht noch mehr beunruhigen, will sie eher ermutigen und trösten. Also versuche ich, stark zu sein. Blöd.