Sonntag, 20. april 2008
Katrin
Der Tag heute war wieder voller gemischter Gefühle. Auf der einen Seite total gut und freudig, auf der anderen Seite habe ich wieder geweint. Ich will nicht immer weinen! Ich werde es schaffen die Hausarbeiten in einer Gruppe, auch ohne Torsten, zu schreiben! Die eine Lehrerin in feministische Theologie scheint doch ganz OK zu sein und sich zu interessieren, wie es uns geht. Wie alle hier! Der Unterricht war OK, auch wenn wir jetzt noch ein Fach mehr haben. Eigentlich sollte ich heute ein Meeting mit Solomon haben. Aber Solomon hatte irgendwie noch ein Meeting gleichzeitig – auch das ist normal hier! In Deutschland wäre so etwas total schlimm. Dafür hatten wir Vorstellung der Field Visits für August/September.1 Torsten und ich können tatsächlich zusammen ins „YMCA Street children project“ [CVJM Strassenkinderprojekt] Darüber habe ich mich sehr gefreut. Nachdem wir die lesson [Unterrichtsstunde] um 18.00 Uhr endlich beendet hatten, waren wir mit den YMCA´ler zusammen „cold coffee“ [Einkaffee] trinken. Ab jetzt wollen wir jeden Donnerstag dort hingehen und jedes Mal zahlt jemand anderes. Haston ist heute als 10ter YMCA´ler zu und gestoßen. Auf dem Weg in die Stadt scherzten Torsten und Max2, dass man bei „Woodpeckers“ (Laden wo man alles kaufen kann) auch Frauen kaufen kann und man sich eine raussuchen könnte. Und Max sagte zu mir: „Erzähl es seiner Freundin, wenn er wieder in Deutschland ist.“ Ich sagte ihm, dass ich es ihr erzählen werde – er wusste ja nicht das ich seine Freundin bin. Nach dem Abendessen war heute das erste Mal „hostel prayer“, dass ist ganz nett, man singt ein paar Lieder, jemand gibt einen kurzen Input und dann wird noch zusammen gebetet. Am 2. Juli werden die physical education [Sportunterricht] beginnen. Jeden Montag, Dienstag und Freitag heißt es dann von 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr auf Richtung YMCA Bangalore. Nächste Woche ist die Introduction [Einführung] für die Field Visits, welche übernächste Woche starten. Da freu ich mich schon voll drauf! Ab Montag haben wir jeden Montag und Freitag um 6. 15 Uhr Joga und jeden Mittwoch um die gleiche Zeit Aerobic. Es ist sehr nett von Solomon, dass er Yoga mit ins 1.Term genommen hat, damit wir auch mitbekommen was das eigentlich ist. Bei den Bhajans heute Abend wollte Shakespeare mal wieder im Mittelpunkt stehen und laut mit singen. Nur kannte er den Song nicht richtig. Nachdem zweimal der eigentliche Sänger sagte er solle still sein nervte es mich sehr und ich sagte: „Shakespeare sit down and shut up!“ Alle lachten auch wenn es mir erst etwas unangenehm war, da eine indische Frau wahrscheinlich so etwas zu einem Mann nie sagen würde. Aber alle fassten es als Joke auf und daher war es einfach lustig. Wir haben angefangen mit den YMCA´lern den Song „Immer mehr“ zu lernen. Voll lustig ihre Aussprache, aber es macht Spaß ihnen etwas beizubringen, weil sie es gerne lernen wollen.

1 Eines der Missverständnisse welche sich später noch aufklären.

2 Einer der YMCA´ler aus Ooty. Hat Familie, 2 Kinder und ist schon etwas älter.


Torsten
21:55 Uhr

The Lord is gracious and compassionate,

slow to anger and rich in love.

The lord is good to all;

He has compassion in all that he has made.

Psalm 145, 8.9


Es geht mir immer besser. Auch deshalb, weil ich meine Gottesbeziehung neu entdecke. In all den Kleinigkeiten ist Gott da. Zum Beispiel in Psalm 145. Die Strophe dieses Liedes ging mir schon eine weile durch den Kopf und ich wusste, dass sie irgendwo in den Psalmen zu finden ist. Nachdem ich nahezu den gesamten Psalter durchgeblättert hatte und die Hoffnung gegen null gesunken war, half ein Stoßgebet, die Stelle zu finden. Bei allen anderen Psalmen habe ich nur die ersten beiden Verse angeschaut und dann weitergeblättert. THANKS TO GOD!

Auch die Bewahrung vor schlimmeren Krankheiten (Durchfall am Anfang der Reise mal ausgenommen) oder die Bewahrung beim Überqueren der Straßen. Er ist da und sendet seine Engel, die uns behüten. „Denn Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten.“ Oh ja, gerade im Moment vertraue ich auf Gottes Gegenwart und Hilfe.

Der Weg zum Einkaufen treibt mir jedes Mal aufs neue Angstschweiß und lässt mich fast in Panik verfallen. Besonders nachts/ abends. Chaotisch, laut, rücksichtslos. So lässt er sich am Besten beschreiben. Ein Wunder, dass es nicht dauernd Unfälle gibt.

Oswald Chambers wird mir mehr und mehr zum Vorbild in Gottvertrauen und gerade in meiner (unserer) Situation brauche ich davon jede Menge. Und Er belohnt das Vertrauen. Jederzeit, überall, immer.

Der Monsun wird kommen. In den nächsten Tagen. Das Wetter heute war zwar warm, doch nahezu den ganzen Tag war es trüb und windig. Bin gespannt, wie oft und wie viel es regnet. Wir haben uns auf jeden Fall auf Empfehlung von Max Regenschirme gekauft, auch wenn Saji meint, dass es nur stoßweiße und nicht so oft regnet. Man wird sehen.

Die Tage scheinen einerseits zu Fliegen, andererseits scheint die Zeit still zu stehen. Seltsames Gefühl, weil doch so vertraut und unbekannt zugleich. Wir sind heute vor 10 Tagen aufgebrochen auf unsere Reise ins unbekannte Land. Und jetzt sind wir mittendrin, das Sätze formulieren fällt mir in Englisch schon fast leichter als in Deutsch. Nur mache ich mir noch Sorgen um Katrin. Ich für meinen Teil scheine den Kulturschock überwunden zu haben, aber sie hat immer noch Probleme mit Sprache und Essen. Wir alle versuchen, sie zu beruhigen und zu ermutigen, leider hat sie sehr hohe Anforderungen an sich, wie es scheint. Und so lange sie diese nicht erfüllt sieht, ist sie wahrscheinlich noch etwas confused [verwirrt]. Ich werde weiterhin für sie beten und sie mental unterstützen und so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen, sie aber dennoch immer mehr von allein lassen, zumindest bei den Unterhaltungen, so dass sie immer mehr ohne meine Hilfe sprechen muss/ kann. Ich gehe davon aus, dass diese Sprachbarriere in spätestens einer Woche und mit Hilfe der anderen UTClern behoben sein wird.

von Torsten Geiger veröffentlicht in: Indien Community: Indien
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