Montag, 12. mai 2008
Katrin
Es ist 9.50 Uhr. Eigentlich nicht die Zeit zum Tagebuch schreiben. Aber heute ist nicht unser Tag. Torsten geht es nicht gut. Er hat Durchfall und fühlt sich gerade wegen hygienischen Bedingungen, Essen, Sprache, Menschen und den Rassen- und Kulturkonflikten nicht wohl. Mir geht es auch nicht wirklich besser. Ich habe Verstopfung und Bauchschmerzen. Voll ätzend. Dazu kommt, dass ich grad keine Lust mehr habe, hier zu sein. Ich habe keine Lust mehr auf den Unterricht, die Leute, … Mich kotzt es an, das Frauen und Männer hier so unterschiedlich behandelt werden. Selbst hier am UTC. Einige Männer grüßen die Mädchen nicht und so mich auch nicht. Wenn Torsten und ich zusammen auftreten, sprechen die meisten zu ihm, mit ihm, aber nicht wirklich mit mir und gucken dann komisch wenn ich auch etwas dazu sage. Und die dummen Anmachen, von wegen „Träumst du von mir, du musst dir mich vorstellen, damit du von mir träumst“, oder andere Kommentare, das können sie sich echt sparen!

Nun ist es 21.15 Uhr und ich falle tot müde ins Bett. Wenn ich wie die anderen Studenten jetzt noch lernen müsste, würde ich irgendwann umfallen. Die Einstellung von Sham P. Thomas1 und wahrscheinlich vieler anderer Lehrer passt gut zu diesem Thema: „Eine Stunde Unterricht bedeutet drei Stunden Nacharbeit.“ Das bedeutet bei vier bis sechs Stunden Unterricht zwölf bis achtzehn Stunden Nacharbeit pro Tag. Das macht schon allein achtzehn bis vierundzwanzig Stunden lernen am Tag. Dann noch essen, Gemeinschaft, … Und wann soll man noch schlafen? Ein weiterer Kommentar von Sham P. Thomas, und der ist harte Realität: „In Indien, wenn du als Mann einem Mann um die Schulter fasst und ihr über den Campus lauft, sagt keiner was. Wenn ein Mann einer Frau um die Schulter fasst und diese über den Campus laufen, gucken dir 150 Leute hinterher.“ In Deutschland würden die Menschen eher komisch gucken wenn zwei Männer Hand in Hand laufen. Sehr krass finde ich auch: Aufstehen wenn der Lehrer den Raum betritt. Was bei Herrn Eilert2 Spaß ist, ist hier bitterer Ernst. Ein weiteres Problem einer Frau: Egal ob deine Präsentation im Unterricht gut war, wenn du eine Frau bist, wird dir das nicht gesagt. Sei ein Mann und du kommst aus dem Händeschütteln nicht mehr raus. Dafür war das Field Visit heute echt toll. Leider konnte Torsten nicht mit, weil sein Magen immer noch nicht gut und er übermüdet war. Ich hoffe es geht ihm morgen wieder besser, ich mache mir echt Sorgen um ihn. Von 15.30 Uhr bis 17.00 Uhr haben wir, oder sollte ich besser sagen, ich, gesungen, getanzt und gespielt. 30 bis 40 Kinder und alle waren dabei. Man kann die Kinder hier so einfach begeistern, dass freut mich so. Mit „King of Kings“, „Uk alele“ und „There was a boy“ hatten wir jede Menge Spaß. Femke spielte dann noch eine abgewandelte Form von „kotzendes Känguru“ mit ihnen und Diamond (sein Name sagt schon wie er ist, total schleimig) sang noch mit ihnen „making Melody“. Danach bekam ich sogar ein Lob von Diamond, aber es stellte ich schnell raus, dass er es nutzte um sich toll dazustellen. Aber trotzdem habe ich die Jungs ein wenig davon überzeugen können, dass Frauen auch was drauf haben.

1 Lehrer für Kommunikation am UTC.

2 Lehrer für z.B. Psychologie am CVJM - Kolleg


Torsten
22:10 Uhr

Ein seltsamer Tag neigt sich dem Ende entgegen, ich habe sehr gemischte Gefühle. Zum Einen ging es mir heute nicht so gut und ich lies das Field Visit zugunsten eines erholsamen, mehr als 3,5h dauernden Schlafes ausfallen. Ich merke, dass mein Körper diese Zeit der Ruhe benötigte, denn eigentlich hatte ich nicht vor, so viel zu schlafen und vor allem nicht so schnell einzuschlafen. Kaum war Katrin um 14:45 Uhr aus dem Zimmer, war ich auch schon weg. Geweckt wurde ich dann von ihrem Zurückkommen nach dem Field Visit. Danach sind wir beide, mit Mike und Mathew im Schlepptau, Cold Coffee trinken gegangen. Eine schöne, erholsame Zeit. Nach dem Abendessen hatte ich meine Duschzeit. Diese Zeit nehme ich mir anstatt des schlecht organisierten Hostel Prayers, da ich da noch warmes Wasser bekomme. Dies muss sein, ich genieße es jedes Mal aufs Neue, weil ich in diesen Minuten Ruhe finde. Die Ruhe ist in Indien sowieso ein Thema. Es gibt schlicht und ergreifend keine. Leider. Immer ist irgend etwas los, seien es die Autorikshas, die hupenden Züge oder nur die Studenten, die laut redend, oder noch schlimmer, nachts jaulend wie Hunde durchs Hostel rennen. So freue ich mich, noch vor sauberen Klos, Duschen und hygienischem Essen, auf Ruhe. Nach dem Duschen sind Katrin (die schon vor gegangen ist) und ich ins Internet gegangen, wo ich, nachdem ich Katrin früher ins Bett gebracht habe, den Versuch unternommen, parallel die Regeln von Cricket zu verstehen und den Rechner von Solomon Benjamin einigermaßen virenfrei zu bekommen. Ich hoffe, dass er jetzt wieder gesund ist, die Sache mit den Cricket-Regeln muss ich mir in der nächsten Zeit noch einmal anschauen. Cricket ist hier vergleichbar mit Fußball in Deutschland.

Mich beschäftigt seit ein paar Tagen die inklusive Sprache, d.h. eine Sprache, bei der keine Trennungen von weiblich und männlich gemacht werden. Dies ist in Deutschland eigentlich in den meisten Fällen der Fall, im englischen jedoch ein echtes (scheinbares) Problem. Diese inklusive Sprache geht so weit, dass sie selbst das Bild von Gott als Vater versucht, neutral, ohne Geschlecht darzustellen, bzw. Gott als Vater/ Mutter zu sehen. Sozusagen Gott als meine Eltern. Seltsam, denn so geht das Bild, beziehungsweise die Identifikationsperson verloren. Ich will Gott als Person, nicht als Sache oder Ding anbeten. Gott ist Gott, der Liebende. Irgendwie ist es lächerlich, Gott als Mutter anzubeten. Und Bibelstellen, die Gott als Mutter zeigen, sind auch nicht wirklich vorhanden. Zumindest wurden die uns bisher vorenthalten. Vielleicht kommen noch welche.

Katrin ging es heute wieder deutlich besser, sie war beim Field Visit und hat die Kinder motivieren und mit Herzblut bei der Sache sein können. Sie ist einfach für Kinder geboren und genießt es, Spaß mit ihnen zu haben.

von Torsten Geiger veröffentlicht in: Indien Community: Indien
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